Entspannter durch den Familienalltag

Eltern ADHS-betroffener Kinder erleben in ihrem Alltag deutlich mehr Stressmomente als Eltern nicht betroffener Kinder. Tägliche Situationen wie das Aufstehen, die Hausaufgaben oder das Zu-Bett-Gehen geben immer wieder Anlass zu Diskussionen und Verhandlungen. Vielleicht ist Ihr Kind ein Träumerchen und Sie haben das Gefühl, Ihr Kind ständig anleiten und antreiben zu müssen, damit es nicht zu spät kommt, mit den Hausaufgaben fertig wird und nicht allzu sehr trödelt. Oder Sie haben einen Wirbelwind zu Hause und fühlen sich in die Rolle eines Polizisten gedrängt: Ständig müssen Sie auf der Hut sein, Grenzen aufzeigen, Mahnungen aussprechen. Eine Mutter in unserem Elternseminar meinte zu uns: „Ich komme mir vor wie ein Feldweibel, der ständig einen kleinen Soldaten herum kommandieren muss. Es macht mich fertig, aber anders scheint es nicht zu gehen.“

Im Gespräch mit Eltern ADHS-betroffener Kinder und Jugendlicher haben wir diese Themen immer wieder aufgegriffen. Viele Familien haben kreative Möglichkeiten gefunden, mit solchen Situationen umzugehen. Natürlich ist jedes Kind anders, aber vielleicht haben Sie Lust, einige der folgenden Ideen auszuprobieren.

Starten Sie gut in den Tag

Noch bevor man überhaupt aus dem Haus ist, beginnt für viele Eltern ADHS-betroffener Kinder der pure Stress. Das Kind träumt und trödelt während des Anziehens, vertieft sich plötzlich in ein Spiel und sieht partout keinen Sinn darin, sich zu beeilen, zu frühstücken und die Zähne zu putzen.

Müder Hase

Als Eltern wirft man sorgenvolle Blicke auf die Uhr und treibt das Kind an: „Mach jetzt vorwärts!“, „Was träumst du jetzt wieder vor dich hin?“, „Du kommst zu spät!“, „Jetzt kannst du doch nicht Lego spielen!“, „Immer müssen wir auf dich warten.“ Der gut gemeinte Ratschlag, das Kind noch früher zu wecken, nützt meist wenig: es dauert dann einfach alles noch länger.

Dieser Start in den Tag ist für die ganze Familie schwierig: Als Eltern bzw. Mutter ist man bereits vor dem Frühstück das erste Mal auf 180 – und das Kind hört kurz nach dem Wachwerden schon einen Schwall an Kritik.

Wie lässt sich die Morgensituation entschärfen?

Manchen verträumten Kindern hilft ein Kleiderparcours um in die Gänge zu kommen. Dabei legen Sie die Unterhosen neben das Bett, die Socken auf die Türschwelle, das T-Shirt in den Gang, die Hosen auf die Treppe – Ihr Kind bewegt sich vom Zimmer zum Frühstückstisch, während es sich anzieht.

Jugendliche bringt ein weglaufender Wecker, den man nach dem Klingeln einfangen muss, in Schwung (zum Beispiel „Clocky – der fliehende Alarm“). Ein Snooze-Knopf ist einfach zu verführerisch, um „nur noch kurz“ weiterzuschlafen.

Ihr Kind trödelt trotzdem? Dann kann eine Guten-Morgen-Playlist durch die Aufstehroutine führen und für gute Stimmung sorgen: Das erste Lied darf im Bett gehört werden, die nächsten drei unter der Dusche, das fünfte und sechste während des Anziehens. Jugendliche lassen sich lieber durch ihre Lieblingssongs zur Tür hinaus schubsen als durch genervte Kommentare der Eltern.

Ein Kleiderparcours oder die Guten-Morgen-Playlist sind Strukturierungshilfen. Sie unterstützen Kinder mit ADHS dabei, bei langweiligen, mehrschrittigen Aufgaben auf Kurs zu bleiben. Die Playlist hilft ihnen zudem dabei, die Zeit besser einzuschätzen – etwas, womit viele ADHS-Betroffene große Schwierigkeiten haben.

Manchmal hilft es auch, die ganzen „man müsste“ und „es wäre doch wichtig“-Sätze über Bord zu werfen. Konzentrieren Sie sich darauf, den Morgen für sich selbst zu genießen. Trinken Sie gemütlich Ihren Kaffee. Wenn Ihr Kind es nicht rechtzeitig an den Frühstückstisch schafft, können Sie ihm getrost einen Müsliriegel und einen Fruchtsaft mit auf den Weg geben. Das ist vielleicht nicht optimal, macht Sie aber nicht zu schlechten Eltern. Es lohnt sich nicht, die Nerven bereits am Morgen zu strapazieren – Sie werden sie im Laufe des Tages noch oft genug benötigen.

Überfallen Sie Ihr Kind nach der Schule nicht gleich mit der nächsten Pflicht

Viele ADHS-betroffene Kinder sind nach der Schule gereizt. Sie mussten sich viele Stunden zusammenreissen, sich konzentrieren, stillsitzen, nicht dazwischenquatschen und andere Regeln befolgen. Sie mussten sich mit ihren Schwächen konfrontieren, Frust und Ärger aushalten und vielleicht sogar eine schlechte Note einstecken.

All das verlangt Kindern viel Selbstdisziplin ab. Selbstkontrolle kann man sich vorstellen wie einen Muskel. Je stärker er beansprucht wird, desto mehr ermüdet er. Zu Hause angekommen, schaffen es viele ADHS-Kinder nicht mehr, sich weiter zusammenzureißen. Die Eltern werden dabei rasch zum Blitzableiter, die ein emotionales Gewitter, das sich über den Tag hinweg angestaut hat, über sich ergehen lassen müssen.

Ärgerlicher Hase

Kinder, die von ihren Pflichten ermüdet sind, reagieren besonders gereizt, wenn man sie an neue Pflichten erinnert. Das ist so, als würde man als Erwachsener nach einem anstrengenden Tag den Satz „Du, wir müssen dann unbedingt noch die Steuererklärung ausfüllen“ hören. Es fühlt sich an, als bestünde der Alltag nur aus müssen. Bereits Kinder äußern dabei Sätze wie „darf ich auch einmal einfach sein?“, „Lasst mich doch mal in Ruhe!“.

Begrüßt man das Kind nach der Schule mit einem Satz wie „Hallo. Wie war‘s in der Schule? (…) Hast du noch Hausaufgaben?“ sind Streit, Tränen und endlose Diskussionen oft vorprogrammiert.

Manche Kinder sind nach der Schule dermaßen überreizt vom Lärm, den vielen anderen Kindern und mannigfaltigen Anforderungen, dass sie zunächst einfach eine Pause von allem brauchen. Sie möchten sich eine halbe Stunde in ihrem Zimmer verkriechen oder die Tiere füttern und kein Wort hören. Gesteht man ihnen dieses Bedürfnis zu, wird es für alle leichter.

Anderen Kindern hilft es, wenn man die Hausaufgaben noch einen Moment ausklammert und ihre Aufmerksamkeit zunächst auf ihre Erholungsinseln und Entspannungsoasen lenkt. Zum Beispiel mit der Begrüßung: „Hallo, schön, dass du da bist… Was willst du heute noch Schönes machen? Komm, wir planen das gleich ein, damit du sicher genug Zeit dafür hast.“ Je mehr Kinder über das reden dürfen, was sie noch wollen und dürfen, desto weniger haben sie das Gefühl, dass ihr Leben nur aus „müssen“ besteht. Wenn das Kind in seinen Freizeitplänen schwelgen durfte, kann man gemeinsam überlegen, wie man die Hausaufgaben drumherum organisiert.

Lassen Sie den Tag mit guten Gedanken ausklingen

Kindern mit ADHS fällt das Ein- und Durchschlafen oft schwer. Ein gemütliches Einschlafritual, bei dem man mit einem Lächeln ins Land der Träume segeln kann, ist für Eltern und Kind ein Geschenk. Ein besonderes Einschlafritual ist die „Was ist gut gelaufen – Übung“ aus der positiven Psychologie. Eltern und Kind erzählen sich dabei jeweils drei Dinge, die an diesem Tag gut gelaufen sind. Dabei kann es sich um schöne Erlebnisse, kleine Erfolge und andere Freuden des Alltags handeln. Sie können das Ritual vertiefen, indem Sie Fragen stellen wie: „Warum ist das wohl passiert? Was hast du dazu beigetragen?“ Die „Was ist gut gelaufen – Übung“ wurde wissenschaftlich untersucht und hat nachweislich einen positiven Effekt auf das Wohlbefinden. Sie führt dazu, dass wir uns an schöne Momente besser erinnern und sie im Alltag bewusster wahrnehmen. Diese Erfahrung stärkt insbesondere Kinder, die eher das Negative sehen, sich rasch ungerecht behandelt oder als schwarzes Schaf fühlen und den Eindruck haben, es sowieso niemandem recht machen zu können. Gleichzeitig wird dem Kind bewusst, dass es aktiv zu einem erfüllten Leben beitragen kann. Dies vermittelt ihm ein Gefühl von Selbstwirksamkeit und stärkt das Selbstvertrauen. Zu guter Letzt fördern Gespräche über gute Momente die Beziehung zwischen Ihnen und Ihrem Kind.

Das folgende Video zeigt die Übung:

 

 

Die richtige Lösung war nicht dabei? Basteln Sie sich ein eigenes Rezept

Wir dürfen immer wieder erleben, dass Eltern viele nützliche und kreative Lösungen einfallen, sobald sie die Möglichkeit dazu bekommen, ihren Alltag zu reflektieren.

Was Sie dazu benötigen sind ein Blatt Papier und 15 Minuten Ruhe. 

Knöpfen Sie sich eine Begebenheit vor, die regelmäßig für Stress sorgt. Zum Beispiel die Hausaufgaben, Einkaufen gehen mit dem Kind oder der Besuch der Schwiegermutter, die Ihnen Erziehungstipps gibt.

Tauchen Sie gedanklich in die Situation ein und überlegen Sie, wie diese normalerweise abläuft. An welchen Tagen lief es etwas entspannter? Was war an diesen Tagen anders? Wann war es besonders schlimm – und weshalb? Manchmal sind es Kleinigkeiten, die einen großen Unterschied machen. Vielleicht merken Sie, dass Ihr Kind die Hausaufgaben zügiger erledigt, wenn es danach noch etwas Schönes vor hat. Oder Ihnen fällt auf, dass das Einkaufen entspannter abläuft, wenn Sie vorher eine Einkaufsliste für Ihr Kind erstellen mit Artikeln, die es im Laden suchen darf. Wenn Sie Unterschiede finden, können Sie sich fragen: Wie kann ich ganz bewusst mehr von dem einstreuen, was funktioniert – und weniger von dem, was die Situation zur Eskalation bringt?

Falls Sie keine Unterschiede finden, fliegt Ihnen vielleicht eine Idee zu, die Sie gerne ausprobieren möchten.

Sie können dazu ein simples Schema nutzen:

Mein Ziel:_________________________

Das Problem:______________________

Idee:_____________________________

Auswertung:_______________________

Eine Mutter mit zwei Kindern fand das Telefonieren zu Hause besonders stressig. Sie hat das Schema wie folgt ausgefüllt:

Mein Ziel: Ich will in Ruhe 10 Minuten telefonieren können

Das Problem: Meine Kinder wirbeln um mich rum, quengeln und quatschen ständig dazwischen

Idee: Ich gebe meinen Kindern eine spezielle Box mit einigen Spielsachen, die sie nur benutzen dürfen, während ich telefoniere. Ich stelle Ihnen den Timer auf 10 Minuten, damit sie wissen, wie lange sie für sich spielen müssen.

Auswertung: Klappt ganz gut. Danach gibt es einen kleinen Kampf, weil ich ihnen die Box wieder abnehme – es lohnt sich aber.

Nichts macht uns unkreativer als Stress. Wenn die Gefühle hochschießen, läuft unser präfrontaler Kortex, der Sitz unseres bewussten Denkens, auf Sparflamme. Wir reagieren aus dem Bauch heraus und spulen ohne Nachzudenken das immer gleiche Programm ab. Wenn wir einen Schritt zurücktreten und in einem ruhigen Moment mit kühlem Kopf darüber nachdenken, wie wir in Zukunft reagieren möchten, fällt uns regelmäßig eine bessere Möglichkeit ein. Wenn wir diese aufschreiben, wird es wahrscheinlicher, dass wir uns im richtigen Moment daran erinnern und diese auch tatsächlich ausprobieren.

Genießen Sie die zwei bis drei Wochen, in denen eine neue Lösung funktioniert. Länger dauert es ja meist nicht, bis man sich wieder etwas Neues einfallen lassen muss.

Autorenteam: Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund

Die Psychologen leiten gemeinsam die Akademie für Lerncoaching in Zürich und sind Autoren der folgenden Bücher: